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Nach alten Regeln der Kunst

Nach alten Regeln der Kunst

Lutz Welge hat einen angenehmen Weg zur Arbeit. Er geht jeden Morgen zu Fuß durch das Frankfurter Westend, vorbei am Rothschildpark, bis hin zum eleganten Hauptgebäude der Schweizer Privatbank Julius Baer. Hier ist Lutz Welge seit 2006 Leiter der Vermögensverwaltung.

Als ein Faktor seines Erfolgs, den Welge in den letzten Jahren zweifelsohne verzeichnen konnte, nennt der Vermögensverwalter unter anderem die Kunst, sich von kurzlebigen Vorhersagen fernzuhalten. Die Welt der Wirtschaft und Finanzen sei rasant, keine Frage, jedoch müsse man langfristig planen. Da helfe auch gute Literatur.

„Wenn ich ein bisschen Zeit habe, dann lese ich gerne Wirtschaftsbücher. Aber nicht über schnelllebige Prognosen, sondern Bücher aus der Vergangenheit, die bis heute noch Relevanz haben“, so Welge.

So findet man in Welges Regal eine Neufassung des Schriftstellers Joseph de la Vega, der 1688 ein Buch über die Börse verfasste. Es trägt den Namen „Die Verwirrung der Verwirrungen“. Das beschreibe ziemlich gut, was die Börse ausmacht, fügt Welge hinzu.

Der Verwirrung stets zu entgehen, das gelingt dem Vermögensverwalter auch mit Hilfe des 12-köpfigen Investmentkomitees, welches einmal in der Woche in Zürich tagt und über die Assetallokationen der Strategien entscheidet.

„Die Abstimmung erfolgt mit Mehrheitsentscheid. Wenn es ein Patt gibt, dann hat der CIO, der in der Schweiz sitzt, den Vorsitz und entscheidet.“

Kein Jahr der Aktienselektion

Ein Blick auf die Indizes zum Abschluss des vergangenen Jahres sei trügerisch, denn man könnte meinen, es sei gar nicht viel passiert, sagt der Portfoliomanager. In Wirklichkeit war es aber ein spannendes Jahr mit großen regionalen Disparitäten.

„Ein Beispiel dafür ist, dass Amerika zwar gut gelaufen ist, jedoch hat sich das in den einzelnen Sektoren stark unterschieden. So sind Materials, Energy und auch Industrie eher im zweistelligen Minusbereich, während Healthcare oder IT Software deutlich angestiegen sind“, so Welge.

Im Rückblick auf 2014 fügt Welge hinzu, dass man das Jahr insgesamt als positiv beurteilen könne, jedoch sei es für aktive Manager nicht einfach gewesen, da man sich nur mit Mühe von den Benchmarks absetzen konnte. Des Weiteren sei es im Hinblick auf die Aktienselektion ein untypisches Jahr gewesen.

„2014 war kein Jahr der Aktienselektion, sondern eher eines, wo man die richtigen Währungen finden musste, und das gab es schon seit einer Dekade eigentlich nicht mehr, da es in den letzten Jahren nicht solche extremen Währungsschwankungen gab“, so Welge.

Der Vermögensverwalter fügt hinzu, dass man im letzten Jahr ein hohes Gewicht in US-Dollar haben musste, um von der Währung zu profitieren. Dazu hätte man allerdings auf die amerikanische Währung spekulieren müssen, und das sei kein größerer Teil von Welges Anlagestrategie.

„Wenn man sich den MSCI World anschaut, dann hat dieser auch nur 3% in lokaler Währung gemacht. Erst von Dollar in Euro kommt man auf die deutlich höhere Performance. Das zeigt, wie sehr die Währung im letzten Jahr ein entscheidender Faktor war.“

Realere Wünsche der Kunden

Während unseres Gesprächs sitzen wir in einem Konferenzraum der Schweizer Privatbank. Hier säße Welge auch ab und zu, um mit seinen Kunden die wichtigsten Themen durchzusprechen.

Für das kommende Jahr erwartet Welge, dass die Wünsche seiner Kunden weiterhin „realistisch“ bleiben. Es gehe um angemessenen Wertzuwachs, doch selbst das sei in dem derzeitigen Niedrigzinsumfeld nicht so einfach zu erzielen.

„Unser typischer Investor ist jemand, der sein Unternehmen verkauft hat und einen höheren einstelligen Millionenbetrag investieren will.“ Investieren betont Welge, nicht Spekulieren.

Der Anlagehorizont, auf den sich der Vermögensberater für seine Kunden konzentriert, liegt bei drei bis fünf Jahren. Es gehe immer darum, einen Mehrwert zu erzielen, jedoch habe man vor einigen Jahren die Entscheidung getroffen, Benchmark-unabhängig zu investieren.

„Vor einigen Jahren haben wir einen großen Schritt gemacht und uns entschieden, sämtliche Benchmarks abzuschaffen. Dadurch agieren wir nun unabhängig von jedem Index und differenzieren uns somit auch von anderen Häusern“, so der Vermögensverwalter.

Die Entscheidung, sich von der Benchmark unabhängig zu machen, sei von der Kundenseite gekommen, da das Ziel, in schlechten Zeiten weniger zu verlieren, immer mehr an Priorität gewinne.

„Wenn der Privatanleger ein Benchmark-Mandat abgeschlossen hat, dann fährt er mit den Märkten rauf und runter. Mit einem vorsichtigeren Ansatz vermeidet man das und verliert in schlechten Phasen weniger“, so Welge.

Generell habe der Vermögensverwalter einen hohen Grad an Freiheiten in seiner Anlagepolitik. Natürlich halte man sich an die Vorgaben des Schweizer Komitees, doch die Bank habe verstanden, wie wichtig es sei, dem lokalen Markt gerecht zu werden.

„Julius Baer ist eine große Bank in der Schweiz, aber hier in Deutschland sind wir 200 Mitarbeiter, was man mit einem mittelständischen Unternehmen vergleichen kann. Wir halten uns natürlich an die Anlagepolitik, die aus der Schweiz vorgegeben wird, doch die Freiheitsgerade auf lokaler Ebene sind da, um dem lokalen Markt gerecht zu werden.“ 

Das Portfolio

Im Portfolio der Vermögensverwaltung findet man drei Risiko­kategorien, die entweder in bis zu 35%, 60% oder 85% Aktien investieren können. Im vergangenen Jahr habe man die Quoten nicht großartig verändert, jedoch stand man im Oktober, während des Rückgangs am deutschen Aktienmarkt, kurz davor.

„Im Einkommensbereich liegen wir bei etwa 29%, im ausgewogenen Bereich bei rund 48% und im Wachstumsbereich bei 78%. Das Aktienexposure ist also nicht ganz ausgereizt. Im Oktober standen wir kurz davor, Änderungen vorzunehmen. Wäre es mit dem DAX noch 100 Punkte tiefer gegangen, hätten wir verkauft, um die Performance zu sichern und das Vermögen der Kunden zu schützen“, sagt Welge.

In Bezug auf die Anleihen bevorzugen der Portfoliomanager und sein Team derzeit Unternehmens- und Wandelanleihen, da Staatsanleihen im Niedrigzinsumfeld ein „zinsloses Risiko“ darstellen würden. Aus dem High-Yield-Bereich sei man im Sommer 2014 komplett ausgestiegen.

„Den High-Yield-Bereich haben wir verkauft, weil die Liquidität dort zu stark zurückgegangen ist. Wir bevorzugen momentan keine klassischen Bondanlagen, wie Staatsanleihen, sondern Investitionen in Unternehmensanleihen.“

Insgesamt liege der Fokus zum größten Teil auf Einzeltiteln, jedoch deckt Lutz Welge bestimmte Bereiche auch durch Investitionen in Fonds ab. Hierzu zählen unter anderem Fonds von Polar Capital und BlackRock.

„Japanische Titel decken wir zum Beispiel durch unsere Investition in den Polar Capital Japan Fonds ab. Wir sind hier in der währungsgesicherten Anteilsklasse des Fonds aktiv“, so Welge.

Der Fonds wird zurzeit von dem ehemals Citywire AA-gerateten Fondsmanager Gerard Cawley verwaltet, sowie vom ehemals AAA-gerateten James Salter.

Auch im weiteren asiatischen Markt ist Lutz Welge in seiner Strategie aktiv und setzt hier unter anderem auf den BGF Asian Dragon Fonds, der zurzeit vom AA-gerateten Andrew Swan verwaltet wird.

Dividenden im Vordergrund

Hinsichtlich der guten Dividendenzahler im Portfolio sei es interessant, zu analysieren, wie sich das Dividendenwachstum durch den Einfluss von Börsenkrisen seit 1961 entwickelt habe, sagt Welge. Dieses sei nämlich nicht unbedingt mit wirtschaftlicher Rezession korreliert, d.h. selbst in Krisen können gute Dividenden gezahlt werden.

„2001 und 2008 waren die einzigen Male, wo die Dividenden tatsächlich runtergestuft wurden, und das Hoch von 2007 wurde mittlerweile schon wieder übertroffen. So hat zum Beispiel Nestlé die Dividende seit 2001 jedes Jahr erhöht.“

Als weiteres Beispiel nennt Welge das dänische Unternehmen Coloplast, Hersteller in der Medizinprodukte-Branche. Auch das ebenso in Dänemark ansässige Unternehmen Novo Nordisk, seit 2013 im Portfolio und Produzent und Vermarkter von pharma­zeutischen Produkten, gehöre dazu.

„Novo Nordisk war 2013 eher flat, und im Jahr 2014 bei 35% plus. Dazu passt eine ganz wichtige Botschaft: die Börse richtet sich nicht nach dem Kalenderjahr, und da muss man den Aktien tatsächlich auch Entwicklungsmöglichkeiten auf der Zeitschiene geben, nicht nur im Kalenderjahr.“

Ausblick

„Die europäischen Unternehmen müssen jetzt liefern, was die amerikanischen Firmen in den letzten Jahren schon vermehrt gezeigt haben und während denen die Gewinne stetig gewachsen sind.“

Doch insgesamt könne man auch positive Entwicklungen beobachten, insbesondere bei deutschen Unternehmen. Der so wichtige „Made in Germany“-Faktor sei immer noch intakt und zwar gerade, wenn man sich anschaue, woher die Wachstumsraten in vielen Ländern kämen und aus welchen Ländern sie importieren, sehe man, dass Deutschland einen zunehmenden Anteil davon habe.

„Das macht mich sehr zuversichtlich, vor allem nach diesem Übergangsjahr 2014, wo die deutschen Aktien nicht groß gestiegen sind, aber wir mit Titeln im DAX wieder bessere Chancen haben, deutliche Fortschritte zu erzielen“, so Welge.

Lutz Welge

Lutz Welge verantwortet seit 2006 als Leiter den Geschäftsbereich Portfolio Management der Bank Julius Bär Europe AG. Zuvor war er sechs Jahre Portfoliomanager Spezialmandate und stellvertretender Leiter des Bereichs Portfolio Specialists bei der UBS Deutschland AG. Gleichzeitig koordinierte er die Zusammenarbeit seines Bereiches mit dem Family Office der Einheit UBS Sauerborn. Lutz Welge studierte Betriebswirtschaftslehre/ Wirtschaftswissenschaften an der Universität Bochum, der Universität zu Köln sowie der Helsinki School of Economics. Lutz Welge ist Mitglied des CFA Institute und hält den Titel Chartered Financial Analyst.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Februar-Ausgabe von Citywire Deutschland.

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