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Ruhrpott-Rendite: Wie die Essener PVV ihr Wachstum vorantreibt

Ruhrpott-Rendite: Wie die Essener PVV ihr Wachstum vorantreibt

Mitten im Ruhrgebiet, dem größten deutschen Ballungsraum und Zentrum der Industrialisierung, zwischen historischen Zechen und modernen Fabrikgebäuden, agiert seit mehr als zehn Jahren die Private Vermögensverwaltung (PVV) in Essen. Das Unternehmen ist 2004 gegründet worden. Ursprünglich, um über eine SICAV in Luxemburg offene Publikumsfonds aufzulegen. Im Jahr 2011 erfolgte dann ein Management Buy Out, wodurch die PVV das gesamte Wertpapiergeschäft der Essener Gallinat Bank übernahm. Dieses ist in der Folge eigenständig und bankunabhängig weiterentwickelt worden.

Im Ruhrpott als Wahlstandort hat die PVV zwei Niederlassungen: Den Hauptsitz in Essen und eine weitere in Duisburg. Aktuell besteht das Team aus zehn Mitarbeitern, die gemeinsam 400 Kunden betreuen und in Summe €590 Millionen verwalten.

Die Metropolregion Rhein-Ruhr ist mit knapp zehn Millionen Einwohnern die bevölkerungsreichste in Deutschland. Die Wirtschaftskraft der ehemaligen Bergbau- Region lockt viele Unternehmer an. „In der Region finden wir ausreichend Privatkunden, die noch hinzu gewonnen werden können. Ebenfalls viele institutionelle Kunden, die Anlagebedarf haben in unterschiedlichen Größenklassen“, sagt Andreas Schyra, Vorstandsmitglied der PVV. Neben den Kunden in Essen, beziehungsweise generell der Rhein-Ruhr-Region, betreut die Vermögensverwaltung auch Kunden in Nord- und Süddeutschland und investiert derzeit verstärkt in das überregionale Wachstum. „Wir führen momentan Gespräche, beispielsweise in den süddeutschen Raum hinein, wo wir auch schon einige Kundenverbindungen unterhalten. Wir wollen uns nicht ausschließlich auf den Standort Essen und Umgebung fokussieren.“

Für die PVV ist der für einen Vermögensverwalter doch eher exotische Standort im Ruhrpott derweil durchaus attraktiv. Viele andere Vermögensverwalter haben sich hier jedenfalls nicht ausgebreitet. Im regionalen Markt spüre Schyra deshalb auch keine große Konkurrenz: „In Essen gibt es zwei weitere Vermögensverwalter, zu denen wir aber ein eher freundschaftliches Verhältnis pflegen.“ Tendenziell mehr Konkurrenz sehe er da schon durch die Vermögensverwaltungen und Private-Banking- Abteilungen der Banken.

Eine Welle der Konsolidierung

Aufgrund des angestrebten Wachstums sei auch die Integration kleinerer Vermögensverwalter im Rahmen der zunehmenden Konsolidierung von Bedeutung. „Die ganze Branche redet schon seit Monaten davon, dass die Konsolidierung kommen muss und dass vor allem Einzelkämpfer und kleinere Vermögensverwalter deutliche Probleme bekommen werden.“ Wegen der Umsetzung von MiFID II im Jahr 2018 rechnet Schyra mit einer großen Welle der Konsolidierung.

„Wir fühlen uns in Bezug auf MiFID II gewappnet, weil ein großer Anteil der soweit schon bekannten Anforderungen bei uns umgesetzt ist. Und ob wir das nun für ein Team von zehn Personen machen oder sogar ein Team mit 20 oder mehr Personen, auch über unterschiedliche Standorte hinweg, das spielt für unsere Infrastruktur im Grunde keine Rolle.“ Dennoch sei MiFID II eine große Herausforderung – für jeden Vermögensverwalter und für jede Bank. „Die Anforderungen sind so umfangreich, dass voraussichtlich kein Institut zum 3. Januar 2018 alle final umgesetzt haben wird“, vermutet Schyra.

Kostenproblematik unter MiFID II

Die Regulierung unter MIFID II treffe den Markt zudem nicht überall gleich hart, denn Banken hätten durch die eigenen Handelsaktivitäten beispielsweise weiterhin die Möglichkeit, Provisionen zu verdienen – und somit gewisse Vorteile gegenüber Vermögensverwaltern. Eine andere Misere in diesem Zusammenhang ist für Schyra, dass typische Fondsvermittler, die ihr Geschäft unter der Gewerbeordnung machen, immer noch Bestandsprovisionen oder sonstige Zuwendungen nehmen können. „Die grundsätzliche Dienstleistung ist jedoch meistens minderwertig im Vergleich zu dem, was ein Vermögensverwalter in Deutschland anbietet“, kritisiert er.

Vorsorglich habe die PVV ihr Geschäftsmodell in den vergangenen Jahren in Bezug auf die Kostenproblematik unter MiFID II angepasst. Zudem habe das Unternehmen durch die fünf eigenen Fonds eine weitere Ertragsquelle geschaffen. „Wichtig ist ebenfalls, dass wir Geschäfte tätigen, die von MIFID II nicht betroffen sind, wie etwa das Wertpapier-Controlling. Dadurch haben wir einen Mix an Dienstleistungen, der uns auch unter MiFID II sichere Erträge garantiert – etwa 80% unserer Erträge sind nicht von MiFID II betroffen.“ Außerdem habe sich die PVV jüngst ein zweites Standbein im institutionellen Geschäft aufgebaut – für kleinere Versicherungen, Pensionseinrichtungen und Versorgungswerke. Dieses Angebot werde immer wichtiger für das Unternehmen: „Wir werden unverändert für private und institutionelle Anleger tätig sein und streben ein Wachstum in beiden Kundengruppen an.“

Die eigene Fondspalette

Um dieses wachsende Angebot abzudecken, spielt die PVV auf der gesamten Klaviatur in ihrem Investmentansatz – „von der Einzelanleihe oder -Aktie bis hin zu aktiven Fonds und ETFs – teilweise auch selektiv mit Zertifikaten“, erklärt Schyra. Dabei stehen allerdings eigene Fonds-Produkte durchaus im Fokus der Anlage.

Zwei Jahre nach der Unternehmensgründung hat die PVV den ersten eigenen Fonds aufgelegt: den PVV Classic, ein vermögensverwaltender Dachfonds mit Fokus auf Aktien. Der Fonds umfasst derzeit rund €15 Millionen. Nachfolgend kam der PVV Unternehmensanleihen Plus hinzu. Die Strategie ist mit €33 Millionen etwa doppelt so groß wie die Aktien-Strategie. Zusätzlich hat die PVV Anfang 2017 zwei Fonds der Inprimo Privatinvest übernommen und agiert für diese nun als Anlageberater. Anfang Dezember sind beide Fonds umbenannt worden: Der Inprimo Aktien Spezial heißt jetzt IPAM Aktien Spezial (€5 Millionen Volumen) und der Inprimo Renten Wachstum läuft fortan unter dem Namen IPAM Renten Wachstum (€31 Millionen Volumen).

„Eigene Fonds können für den Kunden ein großer Vorteil sein, da hiermit in ein sehr breites und professionell gemanagtes Portfolio investiert werden kann, welches in der Breite der Diversifikation häufig alleine nicht erschlossen werden kann“, fasst Schyra die Entscheidung für eine eigene Fondspalette zusammen. Beispielsweise sei es nur möglich, ein diversifiziertes Anleiheportfolio aufzubauen, wenn ein Anlagevolumen in Millionenhöhe bestehe, da die Mindestanlagebeträge pro Anleihe häufig sehr hoch seien.

Kein eigener Robo-Advisor - vorerst

Innerhalb des Fondsgeschäfts falle durchaus auf, dass unter anderem Einzelwert-Risiken oder der Wunsch nach zunehmender Diversifikation dazu führen, dass Kunden dem Thema ETF gegenüber immer aufgeschlossener werden. „Kunden sehen, dass die Diversifikation über einen Index doch manchmal auch deutliche Vorteile bietet, auch wenn man dann vielleicht bei der Renditephantasie Abstriche machen muss.“ Es gebe auch viele Kunden, die reine Fondsdepots wünschen und deren Portfolios eine Mischung aus ETFs und aktiven Fonds darstellen. „Auf der institutionellen Seite hat sich das Thema ETF noch deutlich stärker durchgesetzt als auf Privatkunden-Seite“, betont Schyra.

Im Jahr 2013 hat die PVV ihren dritten Fonds, den PVV Effizienz Invest aufgelegt. Der Fonds ist ein quantitativer Mechanismus, der ohne menschliches Zutun, also ohne die Einflüsse der Behavioural Finance entscheidet, wie hoch die Aktienquote sein soll und in welche Märkte momentan investiert werden soll. Der Fonds kauft nicht nur Aktien, sondern auch Renten. In der Regel beinhaltet die Strategie des Fonds 15 ETFs. Aktuell verwaltet der Fonds ein Vermögen von rund €7 Millionen.

Über das Modell des PVV Effizienz Invest könnte durchaus auch ein Robo-Advisor integriert werden. Neben fundamentalen und technischen Indikatoren beziehe das Team der PVV den Algorithmus auch bei der Entscheidungsfindung im Anlageausschuss mit ein. „Aber aufgrund fehlender Zinsen auf der risikolosen Seite fällt es sämtlichen Algorithmen derzeit schwer, stetige Renditen zu erwirtschaften.“ Früher hatten diese Strategien einen relativ stringenten Ertrag über einen risikolosen Zins.

Doch die Entscheidung innerhalb der PVV stehe derzeit erst einmal fest: Das Thema Robo-Advisor sieht man sich hier vorerst vom Spielfeldrand aus an. „Man muss erkennen, wie die Robo-Advisor ihre Kunden gewinnen und welche Kosten letztendlich mit dem Kundenzugang verbunden sind.“ Der aktuelle Markt zeige, dass relativ wenige der Robo-Advisor profitabel sind. „Diese Unternehmen sind bewertet über eine Anzahl an Kunden und Klicks sowie anhand der Maschinerie, die aufgebaut wurde“, sagt Schyra. Daher hat die PVV den Aufbau eines eigenen Robo-Advisors zunächst vertagt. „Wir wollen unser bestehendes Geschäftsmodell damit nicht kannibalisieren.“

Schyra ist sich sicher: Auch wenn die PVV nicht zu den ersten gehört, die diesen Geschäftsbereich umsetzen, läuft ihnen da nichts weg. „Es wird interessant zu beobachten sein, was ein Robo-Advisor leisten kann und wie er sich entwickelt, wenn der DAX mal nicht mehr steigt, sondern in einer Krise deutlich fällt.“ Schyra erwartet mit Spannung, wie deutsche Privatanleger mit eher weniger Börsenwissen reagieren werden, wenn die Börsen eine Korrektur erleben: „Eine solche Entwicklung dürfte den Markt deutlich aufwirbeln.“

Dieser Text erschien ursprünglich im Citywire Deutschland Magazin vom Dezember 2017.

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