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Studie über Gefahren von ETFs: Was Fondsselektoren wissen sollten

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Studie über Gefahren von ETFs: Was Fondsselektoren wissen sollten

Das Volumen der ETFs wächst und wächst. In diesen vermeintlich transparenten Produkten stecken jedoch große Risiken, schreibt Michael Feiten, Senior Portfolio Manager und Fondsselektor bei NORD/LB Vermögensmanagement in Luxemburg.

Wie unterscheiden sich ETF-Strategien? Welche Produkte sollte man wählen? Welche Auswirkungen hat der ETF-Handel auf die Finanzmarktstabilität? Auf diese Fragen gibt Feiten im Interview mit Citywire Deutschland Antworten.

Herr Feiten, Sie warnen in Ihrer neuen Studie vor den Risiken von ETFs. Was sehen Sie als Fondsselektor als die Hauptgefahr für Investoren?

Mangelnde Unklarheit über das, was sie kaufen. Insbesondere, wenn man ETFs für einen längeren Zeitraum erwirbt, z.B. als Basisinvestment oder für Sparpläne, sollte man sich im Klaren sein, dass in einem „Fall der Fälle“ signifikante systemische Risiken lauern könnten.  Man kauft aus guter Überlegung zur Optimierung des Zinseszinses kostensparende Produkte, wo allerdings gerade auf lange Sicht niemand die Auswirkungen des gigantischen Derivate-Wachstums abschätzen kann.  Warren Buffett hatte sie seinerzeit – wenn auch etwas schnoddrig-publikumswirksam – aber dennoch nicht falsch als „finanzielle Massenvernichtungswaffen“ bezeichnet. Es gibt nur einen Schutz: bestmögliche Diversifikation über möglichst viele Anlageklassen. 

Gibt es dabei einen Unterschied zwischen synthetischen und physischen ETFs? Welche sind für Anleger sicherer?

Ja, sie unterscheiden sich grundlegend. Vielleicht kann man sehr verkürzt sagen, dass z.B. bei Aktien-ETFs die einen zumindest in Aktien aus dem Universum des zugrunde liegenden Index investieren, die anderen nicht. Dabei weisen erste jedoch wider die erste Intuition, gerade bei größeren Indizes, oftmals einen höheren Tracking Error auf, als die synthetischen ETFs. Insofern hängt einzig vom Investorenprofil ab: akzeptiere ich in Sachen Performance eine Abweichung vom Index, die auf längere Sicht deutlicher werden kann, oder bekomme ich grob tatsächlich die Index-Performance, ohne aber im tatsächlichen Krisenfall wirklich die entsprechenden Aktien des Index zu erhalten, sondern ausschließlich solche aus anderen Ländern?  

Eine Begründung für den Einsatz der ETFs sind die geringen Kosten. Sind diese Produkte als Beimischung für Fonds-Selektoren verlockend? Wenn die Kosten so niedrig sind, können Investoren ja viel weniger von ihrem investierten Kapital verlieren…

Ja. Wir haben vor zehn Jahren eine Vermögensverwaltung auf ETF-Basis entwickelt. Mehr denn je, müssen angesichts Nullzinsen und nicht günstiger Aktienbewertungen die Kosten aber gerade heute weiter optimiert werden. Auch wir handeln nach der Maxime: kaufe immer, wo es möglich ist, Direktinvestments oder ETFs. Trotzdem gilt es, seine Arbeit zu machen, das heißt, eben auch bei „einfachen“ ETFs Prospekte und Jahresberichte zu studieren und beim Emittenten nachzufragen: wie sind die Verleihquoten? Wer sind die Kontrahenten der Swaps? Was genau sind die Sicherheiten? Wir haben z.B. gleich am Anfang unserer Neu-Recherche zu ETFs einen DAX-ETF entdeckt, bei dem der Swap über 24% ausmachte, wo man maximal 20% erwarten würde.  

Sind manche Assetklassen robuster als andere?

Ja. Entscheidend ist aber letztlich: wie liquide sind die im ETFs abgebildeten Vermögenswerte. Neben wir den 24. August 2015: Eine Vielzahl von US-Aktien wird vom Handel ausgesetzt – wie kann dann ein ETF darauf liquide sein, wenn die Basiswerte es – wenn auch in dem Fall nur temporär – nicht liquide sind? Die Antwort lautet: gar nicht. Es kam zu wüsten Verwerfungen. Große ETFs fielen um 30 – 40 % stärker, als ihre zugrundeliegenden Indizes. In einem solchen Fall ist ein ETF nicht geschützt. 

Bei Anleihe-ETFs sind die Zuflüsse in den vergangenen Jahren gestiegen. Aus was sollte man als Anleger achten?

Man sollte sich fragen: was genau will ich mit meiner Zinsanlage erreichen? Bei guten Bonitäten und guter Liquidität gibt es ohnehin nichts mehr zu verdienen. Also suchen die Investoren höher rentierliche Zins-Objekte, die naturgemäß weniger liquide und weniger bonitätsstark sind. Diese werden dann, weil man ja Kosten sparen muss, via ETF investiert und so gesehen ist es auch ein breit gestreutes Universum. Nur: wenn der größte ETF-Anbieter der Welt damit wirbt, dass er für Liquidität in genau diesem Markt sorgt, der durch Wegfall von ganzen Broker-Abteilungen in Banken, zunehmende Regulierung, EZB als Anleiheabsorbierer etc. von zunehmender Illiquidität geprägt ist, so ist das für mich eine verkehrte Welt. Wenn es zu einem – nicht vorhersehbaren – großen Abverkauf von Zinspapieren und damit auch bei den ETFs käme, wäre da die Größe das Problem anstatt die Lösung. 

Was halten Sie von Produkten wie Strategie-ETFs oder „aktive“ ETFs, bei denen aktive und passive Investmentansätze kombiniert werden?

Nichts. In den USA sind bereits 25% aller ETFs Smart-Beta-ETFs. Doch werden hier zwei Sphären vermischt, die nicht vermischt werden sollten: ein passives Produkt, das in erster Linie kostengünstig sein soll, mit einem aktiven, dessen primäres Ziel ist, eine Mehrperformance gegenüber dem passiven Ansatz zu generieren.  Ferner vermengen sich einmal mehr die Sphären „Liquidität“ und „Illiquidität“ oder sagen wir: pures Markt-Beta versus hochkomplexe Anlagestrategien.

Was verstehen Sie unter aktivem Fondsmanagement im Zusammenhang mit passiven Produkten? Welchen Mehrwert können Fonds, die in ETFs investieren, liefern?

Aktiv heißt aber auch: bereits vor dem Investment aktiv denken und analysieren und das Gros der „Gelegenheiten“ gerade nicht ergreifen. Wir würden niemals von jetzt auf gleich einen ETF kaufen, auch wenn wir die Grund-Idee des ETFs (z.B. japanische Aktien) kurzfristig plausibel fänden. Um uns die Arbeit mit ETFs zu erleichtern, haben wir neben dem schon Erörterten einige Leitplanken definiert: nach Anbietern diversifizieren, wo möglich nur physisch replizierende ETFs, Wertpapierleihe-Quoten beachten und erfragen, Zusammensetzung des Sicherheitskorbes bei Wertpapierleihe erfragen, keine Strategie-ETFs wie Smart Beta, Vola etc. etc., keine Anleihen-ETFs auf relativ illiquide und / oder kleine Segmente, keine Branchen-ETFs, keine ETFs auf per se illiquide Anlageklassen, keine ETCs etc. denn dies sind Inhaberschuldverschreibungen und eben keine Sondervermögen, keine Short-ETFs, keine Hebel-ETFs, keine „aktiven“ ETFs, Liquidität überprüfen z.B. durch Geld-Brief-Spannen, XLM, Fondsvolumen etc., Handelszeiten der Basiswerte berücksichtigen sowie Stoploss-Systematiken prüfen.

Die vollständige Studie, "Warum es gilt, (auch) ETFs kritisch zu hinterfragen", können Sie hier lesen.

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