Wenn Umsatzwachstum die Aktienkurse treibt, wird Selektivität zunehmend wichtig

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Obwohl die US-Wirtschaft zuletzt einen Rückschlag erlitten hat - nach den jüngsten Daten des US-Handelsministeriums ist das BIP-Wachstum im ersten Quartal 2014 auf Jahresbasis um 1 Prozent geschrumpft - , glauben wir, dass US-Aktien über weiteres Kurspotenzial verfügen. Wir rechnen im zweiten Quartal mit einer Beschleunigung des Wirtschaftswachstums und sehen das reale Gewinnwachstum als fundamentalen Treiber für die weitere Performance. Auf Basis der Gewinnschätzungen für die kommenden zwölf Monate notiert der S&P 500 aktuell mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15,4. Im historischen Vergleich sind die Bewertungen von US-Aktien damit immer noch relativ günstig (15-jähriger Durchschnitt: 15,9 per 27. Mai 2014).  

Die Fundamentaldaten der Unternehmen sind angesichts solider Bilanzen und stabiler Gewinne äußerst robust und dies sollte Unternehmen verschiedene Möglichkeiten zur Steigerung des Shareholder Values bieten. Zudem sind wir davon überzeugt, dass die Unternehmen im Zuge der wirtschaftlichen Verbesserung in den USA durch höhere Investitionen (zum Beispiel in Forschung und Entwicklung), Neueinstellungen sowie Fusionen und Übernahmen überschüssige Liquidität in zukünftiges Wachstum investieren werden, anstatt sie in ihren Bilanzen zu horten.

Mögliche Herausforderungen wie geopolitische Risiken und politischer Stillstand in Washington D.C. bleiben zwar weiterhin bestehen, insgesamt sind wir jedoch für die US-Aktienmärkte unverändert optimistisch gestimmt. Vorausschauende Analysen sind im derzeitigen Anlageumfeld entscheidend und das von einzelnen Unternehmen generierte Umsatzwachstum wird für Kursanstiege sorgen. Daher ist es wichtig, bei der Aktienauswahl noch selektiver vorzugehen.

Positiv beurteilen wir dabei Technologiefirmen, die von langfristigen Wachstumstrends und höheren Unternehmensausgaben profitieren dürften; globale Luftfahrtunternehmen, die sich durch volle Auftragsbücher und eine oligopolistische Wettbewerbsdynamik auszeichnen; dominante Akteure im Onlinehandel beziehungsweise Spezialeinzelhändler mit Nischengeschäften, die der Internetkonkurrenz standhalten können; Finanzinstitute, die an den verbesserten Kredittrends und der Erholung am Wohnungsmarkt partizipieren und dabei aus steigenden Zinsen einen Vorteil ziehen können; sowie Pharma- und Biotech-Unternehmen, die von einem schwächeren Gegenwind durch Generika und einer wachsenden Patientenbevölkerung profitieren werden. Vorsichtig sind wir dagegen bei Unternehmen, die wegen einer hohen Verschuldung besonders anfällig gegenüber steigenden Zinsen sind. Gleiches gilt für Aktien mit hoher Rendite, deren Bewertungen überzogen sind, sowie für Titel, die in hohem Maße staatsabhängig sind – sprich zumeist Unternehmen aus den Bereichen Gesundheit und Industrie (Rüstung).

Energie könnte indessen zu einer neuen Wachstumsindustrie avancieren. Speziell denken wir dabei an Energieunternehmen mit einem günstigen Exposure zum globalen Schieferboom. Heute wird Energie, ähnlich dem Technologiesektor, zunehmend als Innovationssektor betrachtet, was hauptsächlich der „Energie-Renaissance“ in den USA zu verdanken ist. Die Idee von Energie als Wachstumsindustrie rührt nicht nur von den neuen Bohrtechniken her, die die üppigen Schieferreserven erst nutzbar machen, sondern auch vom enormen Infrastrukturbedarf, um diesen wertvollen neuen Rohstoff zu den wachsenden Endmärkten transportieren zu können. Laut einer aktuellen Analyse könnten sich die Ausgaben für die Öl- und Gasinfrastruktur 2014 auf insgesamt rund 85 bis 90 Milliarden US-Dollar belaufen und bis 2020 in einer ähnlichen Größenordnung weiter zulegen. Zwischen 2014 und 2025 sollten dabei knapp 900.000 neue Arbeitsplätze entstehen und 94 Milliarden US-Dollar zum amerikanischen Bruttoinlandsprodukt beigesteuert werden.

Eine Steigerung des US-Produktionsvolumens könnte weitreichende positive Auswirkungen auf die Wirtschaft haben. Direkt verwandte Bereiche wie die Petrochemie fangen neben dem allgemeinen Handels- und Fertigungsgeschäft gerade erst an zu profitieren und haben das Potenzial, das US-Wirtschaftswachstum auf Jahre hin zu beflügeln. Das erhöhte Produktionsaufkommen lässt die inländischen Energiepreise bereits sinken und ebnet den Weg dafür, dass die USA zum Energieexporteur aufsteigen können. Tatsächlich ist das Land angesichts der Zeit, die der Aufbau der notwendigen Infrastruktur erfordert, noch einige Jahre davon entfernt, Erdgas im großen Stil zu exportieren. Durch die jüngsten geopolitischen Spannungen zwischen der Ukraine und Russland, Europas wichtigstem Erdgas-Lieferanten, hat sich das Interesse der Anleger an dieser Idee jedoch erneuert.

John J. Arege ist Senior Portfoliomanager bei Goldman Sachs Asset Management in New York.