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Wie die Energiewende und der Demografie-Wandel die Märkte beeinflusst

Wie die Energiewende und der Demografie-Wandel die Märkte beeinflusst

Der Wirtschaftsprofessor und Berater Michael Bräuninger erklärt, warum er einen starken globalen Aufschwung erwartet, welche Risiken von der Politik ausgehen - und welche Rolle dabei die Zuwanderung spielt.

  • Herr Bräuninger, zuletzt haben die Börsen eine Korrektur erlebt. Investieren Sie selbst aktuell in Aktien?

Ich persönlich finde Aktien durchaus interessant. Wobei ich mich auf ETFs konzentriere, da ich mich mit der gesamtwirtschaftlichen und aggregierten Entwicklung besser auskenne als mit einzelnen Unternehmen.

  • Und was für eine Entwicklung erwarten Sie in Deutschland und der Welt?

Wir erleben einen globalen Aufschwung. Die Wachstumsraten in den Industrieländern steigen schon seit einiger Zeit. Aber inzwischen haben auch wichtige Schwellenländer ihre Schwächen oder sogar Krisen beim Wachstum überwunden. Das führt zu selbstverstärkenden Effekten. Die haben das Potenzial, in den nächsten Jahren starkes globales Wachstum zu genieren. Dabei ist sogar eine Entwicklung hin zu den Wachstumsraten von vor der Krise 2008/09 durchaus möglich.

  • Befürchten Sie nicht auch, dass steigende Zinsen das Wachstum bremsen werden?

Nicht unbedingt. In den USA läuft die Erholung ja schon einige Zeit, und auch der Arbeitsmarkt hat sich schon erheblich verbessert. Bei den wieder anziehenden Lohnforderungen wurde daher die Zinswende in den USA eingeleitet. Doch sind viele früher Erwerbstätige aus dem Arbeitsmarkt ausgeschieden und müssen in den nächsten Jahren wieder integriert werden. Deshalb werden die Zinsen weiter niedrig bleiben. Auch in Europa hat der Aufschwung – inzwischen flächendeckend – eingesetzt, ist aber noch schwach. Es wird also noch einige Zeit brauchen, bis sich der Arbeitsmarkt normalisiert. Deshalb bleiben Lohnforderungen und dann auch die Inflationsraten gering, und die Zinswende wird nur sehr langsam vorangehen.

  • Sehen Sie stattdessen andere Risiken für die Konjunktur?

Die größten Risiken kommen aus der Politik. Hier können nationalistische und protektionistische Maßnahmen den globalen, sich selbst verstärkenden Auftrieb stoppen. Bezeichnend ist die Entwicklung des Euro-Dollar-Kurses: Die USA haben – verglichen mit der Eurozone – stärkeres Wachstum und höhere Zinsen. Außerdem zieht der amerikanische Staat mehr Geld an, denn die Verschuldung und das Haushaltsdefizit sind dort deutlich höher. All das würde dafür sprechen, dass Geld in die USA fließt und der Dollar aufwertet. Im Gegenteil wertet derzeit aber der Euro auf. Offensichtlich haben Investoren kein Vertrauen in die Nachhaltigkeit der US-Politik.

  • Die deutsche Politik war zuletzt ja auch von zähen Koalitionsverhandlungen geprägt. Sehen Sie hier Risiken?

Aktuell bin ich optimistisch. Denn in den vergangenen Jahren hat sich die Beschäftigung hier kontinuierlich verbessert, sodass viele Regionen quasi Vollbeschäftigung haben. Dies ist vor allem auf die Strukturreformen der Agenda 2010 zurückzuführen, und diese positive Entwicklung führt weiter dazu, dass die Lohnforderungen und deshalb auch die Preise steigen. Dadurch verbessern sich das Konsumklima und die Binnenkonjunktur, was wünschenswert ist. Gefährlich wird es aber, wenn vor dem Hintergrund der positiven Entwicklungen am Arbeitsmarkt die Strukturreformen zurückgedreht werden. Die Tendenz dazu gab es schon in den letzten vier Jahren der GroKo – und auch in der nächsten Regierung wird sich das fortsetzen.

  • Ein wachsendes Thema ist hier die demografische Entwicklung und speziell die Zuwanderung. Welche Rolle spielen diese Faktoren?

In vielen Regionen herrscht ein Mangel an Fachkräften. Dieser betrifft nicht mehr nur Sektoren wie die MINT-Berufe, sondern auch weite Bereiche in der Pflege und im Handwerk. Schon demografisch bedingt wird sich der Mangel ausweiten. Daher ist die Erhöhung von Erwerbsquoten ebenso von Bedeutung wie die Zuwanderung.

  • Ein weiterer Wandel ist die Energiewende. Welche Entwicklung erwarten Sie hier?

Deutschland ist in vielen Bereichen Vorreiter bei der Energiewende. Daher kann das Land profitieren, wenn neue Technologien entwickelt werden, die an den Weltmärkten erfolgreich sind. Im Bereich der Stromerzeugung hat dies – sehr bedingt – funktioniert. Hier werden inzwischen 36% der Energie erneuerbar erzeugt. Das Problem bei weiterem Ausbau ist, dass die erneuerbaren Energien nicht kontinuierlich fließen, und Strom nicht leicht speicherbar ist.

  • Stößt die Energiewende dann bald an ihre Grenzen?

Die Schwankungen bei der Erzeugung sind bei einem weiteren Ausbau der erneuerbaren Stromerzeugung und auch bei immer weiter steigenden Anwendungsbereichen von Strom – insbesondere in den Bereichen Mobilität und Wärmeversorgung – immer problematischer. Deshalb halte ich es für sehr fragwürdig, ob die weitere Elektrifizierung das Richtige ist. Erneuerbares Gas und Kraftstoffe sind zwar noch sehr teuer, aber sie ermöglichen die Verwendung der vorhandenen Infrastruktur und garantieren Versorgungssicherheit.

  • Ergeben sich daraus spezielle Chancen für Anleger?

Bei technologischen und auch bei organisatorischen Änderungen kommt es auf die Akzeptanz im Markt an. Das betrifft die Energiewende und auch die Digitalisierung. Im Augenblick generiert die Politik hier Hypes, die sich nicht durchsetzen werden. Da müssen Investoren sehr genau hinsehen.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der März-Ausgabe des Magazins von Citywire Deutschland.

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