Ein Ende von Mario Draghis lockerer Geldpolitik ist nicht absehbar. Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) beruft sich auf die niedrige Inflation, die ein Festhalten am bisherigen Kurs aus seiner Sicht bedingt. Im vergangenen April reduzierte die Notenbank ihr seit März 2015 laufendes Anleihekaufprogramm von monatlich 80 Milliarden auf monatlich 60 Milliarden Euro. Die EZB hat rund 2,28 Billionen Euro für die Käufe eingeplant. Wann eine Wende eingeleitet wird und wann ein Tapering, also der Rückgang der Anleihekäufe, von Draghi umgesetzt wird, ist derzeit nicht eindeutig.

Entsprechend stellt sich für Investoren die Frage, wo sich in der Eurozone noch Chancen für Anleihe-Investments ergeben. Oder hat Mario Draghis EZB-Politik alle Rendite-Chancen beseitigt? Nach wie vor ist das Augenmerk aufgrund der Schuldenkrise mit besonderer Vorsicht auf bestimmte Länder der Eurozone gerichtet. Vermehrt fragen sich Vertreter der Branche, ob Italien als neuer Krisenherd die Lage wieder erschweren könnte. Diese und weitere Fragen zur Portfolioausrichtung beantworten nachfolgend vier Fondsmanager mit dem Spezialgebiet Anleihen.

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Andrew Bosomworth

Pimco

„Man darf nicht vergessen, dass das Zinsniveau wegen der niedrigen Inflation der vergangen Jahren sowieso niedrig gewesen wäre.“

Wegen der niedrigen Zinsen muss man lange suchen, um gute Gelegen- heiten zu finden. In der Eurozone sehen wir Chancen in den Sektoren verbriefte Anleihen, insbesondere Collateralized Loan Obligations, bei Finanztiteln, und wenn ich Dänemark zu der Auswahl hinzunehmen darf, bei Hypothe- kenanleihen von unserem nördlichen Nachbarn.

Was die Eurozone angeht, könnte man fast mit „Ja“ antworten, wenn es darum geht, ob Draghis EZB-Politik die Rendite-Chancen vertrieben hat. Aber man darf nicht vergessen, dass das Zinsniveau wegen der niedrigen Inflation der vergangen Jahren sowieso niedrig gewesen wäre. Die Geldpolitik hat diese Lage absichtlich verschärft. Deshalb sollten Investoren über Anlageklassen hinweg über die Eurozone hinaus streben.

Wir haben den Anteil an Euro-Unterneh- mensanleihen in unseren Fonds in den letzten Monaten zurückgefahren, weil die mittlerweile geringeren Kreditrisikoprämien nicht mehr für die von uns in den kommenden Jahren erwar- teten möglichen Ereignisse in den Märkten kompensieren.

Italien hat längst die Rolle als Sorgenkind der Eurozone übernommen. Das Land kann aber sowohl für positive als auch negative Überraschungen sorgen. Ich meine, das Wahlergebnis in Frankreich kann einen positiven indirekten Einfluss auf die Politik Italiens haben. Was Front National vielleicht unterschätzt hat, war, wie sehr die Franzosen den Euro schätzen. Das könnte beispielsweise den Wählern und den politischen Parteien Italiens zeigen, dass der gemeinsame Weg nach vorne in der Eurozone trotz aller Heraus- forderungen, einfacher ist als der Weg zurück zur Altwährung.

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Julien Eberhardt

Invesco

„Es gibt Anzeichen für eine wirtschaftliche Erholung und die EZB kauft noch immer Staatsschulden“

Derzeit kann man nicht sagen, dass ein Teil der Rentenmärkte einen absoluten Wert bietet. Stattdessen besteht die Herausforderung darin, nach relativen Werten zu suchen, während das Gesamtrisiko bescheiden bleibt.

Wir bevorzugen weiterhin nachrangige Bankanleihen, die mit dem Bonus positiver säkularer Trends eine relativ attraktive Rendite bieten, da die Banken ihre Bilanzen stärken. In unserem Invesco Euro Corporate Bond Fund haben wir nur ein schlichtes Exposure in Staatsanleihen der Eurozone. Aber innerhalb des Fonds hat sich die Gesamtstrategie in den vergangenen sechs Monaten nicht verändert.

Wir haben einen relativ hohen Anteil an Liquidität, beziehungsweise in Cash, kurzlaufenden Anleihen und Staatsanleihen. Im Gegensatz dazu haben wir ein Untergewicht bei sogenannten ‚Plain Vanilla‘, also fünf bis zehnjährige Investment-Grade Unternehmensanleihen, bei denen die Renditen zu niedrig sind.

Wenn ‚italienische Probleme‘ eine langfristige wirtschaftliche Stagnation und eine volatile politische Kulisse bedeuten, dann gibt es immer das Potential, dass sich die Stimmung verschlechtern könnte. Allerdings ist das Defizit nicht groß, es gibt Anzeichen für eine wirtschaftliche Erholung und die EZB kauft noch immer Staatsschulden. Investoren werden natürlich genau auf die Auswirkungen einer Reduzierung der Käufe italienischer Staatsanleihen achten.

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Mark Dowding

Bluebay

„Italien im Fokus“

Die Eurozone profitiert derzeit von der Verbesserung der Wachstumsaussichten, der wohlwollenden Inflation, der lockeren Geldpolitik und der Verringerung der politischen Risiken. All dies sollte eine konstruktive Kulisse für Risikoaktiva in der Region darstellen.

Politisch gesehen scheint der neue französische Präsident Emmanuel Macron die Grundlagen für eine erneute Stärkung der deutsch-französischen Achse im Herzen der Eurozone zu legen und das sollte auch der Peripherie zugutekommen. Bei der letzten EZB-Sitzung gab Mario Draghi weiterhin eine dovishe Botschaft bekannt und bekräftigte das Engagement des Vorstands für laufende Vermögenskäufe. Wir glauben, dass die EZB ihre Asset-Käufe bis 2018 in einem reduzierten Tempo fortsetzen wird und dass die Kommunikation diesbezüglich bald zu erwarten ist.

Italien ist seit Kurzem in einem speziellen Fokus. Wir entkräften weiterhin die Idee, dass die Wahlen in Italien zu einem „Italexit“-Referendum führen werden. Und wir glauben, dass die Fünf-Sterne-Partei ihr Denken rund um die EU weiterhin mäßigen wird. Italien ist auch ein Grund, weshalb die EZB vorsichtig sein wird, vorzeitig kämpferisch zu klingen. Wir sehen weiterhin das große Problem für Italien, sofern eine nächste Rezession auftritt - aber jetzt noch nicht.

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Hartwig Kos

SYZ Asset Management

„Dollaranleihen aus Portugal“

Dank des Kaufprogramms der EZB haben wir in den vergangenen Jahren extrem hohe Renditen in den europäischen Rentenmärkten gesehen. Jetzt sind wir leider an einem Punkt angelangt, an dem es sehr schwierig ist, auf weiter fallende Zinsen zu setzen. Die Bewertungen sind in manchen Bereichen so extrem, dass man den Kopf schütteln muss.

Die einzige große Position, die wir noch haben, sind Dollaranleihen aus Portugal. Als wir die Position 2016 aufgebaut haben, war Portugal in den Augen vieler Marktteilnehmer nicht investierbar. Politische Instabilität und schwaches Wirtschaftswachstum ließen die Frage einer Rating-Herabstufung immer wieder aufkommen, was ein Aussetzen der EZB-Käufe zur Folge gehabt hätte. Diese Risiken waren unserer Meinung nach in den Zinssätzen von 5,5% reflektiert.

Die traditionellen Hochzinsanlageklassen, wie europäische Schrottanleihen, sind dank des sogenannten „hunt for yield”, den die EZB mit ihren Staatsanleihe-Käufen losgetreten hat, leider nicht mehr so interessant.

Wir haben eine 10%-Position in Portugal, die mit deutschen Staatsanleihen abgesichert ist, sowie eine 2%-Position in Hochzinspapieren. Diese werden wir bald verkaufen. Wir besitzen zudem noch eine 4%-Position in einem Spezialfonds, der sich auf europäische Finanztitel spezialisiert.

Bezüglich Italien sind wir im Moment nicht allzu besorgt. Die Wahlrechtsreform, welche in den letzten Wochen von der italienischen Regierung vorgeschlagen wurde, ist prinzipiell eine gute Idee. Beppe Grillo selbst hat in Genua eine gewaltige Wahlschlappe eingefahren. Da stellt sich die Frage, ob er landesweit erfolgreich sein kann. Des Weiteren sind die italienischen Wahlen vorerst verschoben und finden nicht wie befürchtet im September statt.

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