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Ist Sorglosigkeit die neue Euphorie?

Ist Sorglosigkeit die neue Euphorie?

Oft werden drei Argumente ergänzend ins Feld geführt, um zu unterstreichen, warum die (Aktien-)Märkte weiter steigen werden und wir uns noch nicht am Ende der Aufwärtsbewegung befinden oder befinden dürfen.

Zum einen sind dies die weiterhin sehr unterstützende Geldpolitik der Notenbanken weltweit sowie die flankierenden Maßnahmen von Seiten der Politik. Vor allem in den USA scheint sich jedoch eine behutsame Trendwende abzuzeichnen. Natürlich lässt sich hier argumentieren, dass dies – nach Meinung der FED - vor dem Hintergrund einer sich stabilisierenden und anschließend selbsttragenden Konjunktur geschieht.

Hierzu nur eins: Die Fed war historisch einer der schlechtesten Konjunkturprognostiker überhaupt. Und selbst wenn sie dieses Mal richtig liegt: Wie viel ist in den Kursgewinnen von rund 200% seit dem Tief bereits eingepreist?

Ist das scheinbar unerschütterliche Vertrauen der Marktteilnehmer in die Notenbanken nicht auch ein Zeichen von Sorglosigkeit? Blindes Vertrauen – man hat schon fast das Gefühl der Hörigkeit – in die Notenbanken dieser Welt ist ein sehr gefährliches Argument. Wer jemals „Reise nach Jerusalem“ gespielt hat, weiß, wie sich das anfühlt. Denn jeder spürt bereits zu Beginn des Spiels die Anspannung und das Unwohlsein. Dennoch spielt man im vollen Bewusstsein der vollständigen Abhängigkeit von einem Faktor mit und hofft, dass man nicht der ohne Sitzplatz ist, wenn die Musik aufhört zu spielen.

Zum anderen wird die „Wall of Worry“ – als Synonym für fehlende Euphorie - häufig als Argument herangezogen, ebenso wie das Fehlen der berühmten „Fahnenstange“ im Chart. Wenn man bei dem ersten Bild bleibt, so stellt sich die Frage nach der Stabilität dieses mentalen Konstruktes.

Ich habe das Gefühl, dass die Steine der Wall aktuell mehr aus den der Verhaltenspsychologie bestens bekannten Phänomenen ausgewählt werden. Dazu gehören selektive Wahrnehmung oder kognitiver Verzerrung, wie Bestätigungsfehler, Kontrollillusion, illusorische Korrelationen und Selbstüberschätzung. Der Zement zwischen den Steinen besteht sich dagegen eher aus Karriererisiko und Hoffnung/Verzweiflung, statt aus Überzeugung, verantwortungsvollem Handeln und kritischem Auseinandersetzen mit einem sehr komplexen Marktumfeld.

Warum „Buy the Dip“ retrospektiv in den letzten Monaten vor allem am Aktienmarkt die favorisierte Strategie war, ist auch auf das dritte Argument zurückzuführen: „Das Geld muss angelegt werden“. Dies kombiniert mit der allgegenwärtigen Ratlosigkeit bezüglich Ertragsquellen führt aktuell meist immer zur Präsentation der Aktie als Lösung dieser Gleichung. Doch ist diese relative Einigkeit nicht eine Variante der Übertreibung im Sinne des „Contrarian-Arguments“?

Auch wenn - als positives Zeichen - die Dispersion bzw. Differenzierung in diesem Jahr durchaus wieder zunehmen könnte, so wird es grundsätzlich keine Abkopplung einer Region auf der Welt vom grundsätzlichen Trend geben (können), dazu ist die Globalisierung zu dominant und die Problemfelder zu homogen, wie die Verschuldung.

Es könnte sein, dass die Euphorie bereits da ist, nur in einem anderen Gewand. Folglich würde es nicht wundern, wenn die Distributionsphase besonders bei den Aktien bereits begonnen hat. Besonders wenn man sich vor Augen hält, dass „Top-Bildungen Prozesse sind und keine singulären Ereignisse“ (John P. Hussmann).

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