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Liqid-Gründer: Die €1-Milliarde-Marke fest im Blick

Christian Schneider-Sickert hat als Quereinsteiger den Online-Vermögensverwalter Liqid gegründet. Im Interview erzählt er über seine Zeit am Eton-College und warum er die Konkurrenz zu anderen Online-Anbietern gelassen sieht.

Liqid-Gründer: Die €1-Milliarde-Marke fest im Blick

Als Quereinsteiger hat Christian Schneider-Sickert den Online-Vermögensverwalter Liqid gegründet. Jetzt hat das Unternehmen die Milliarden-Euro-Marke beim verwalteten Vermögen vor Augen. Die Konkurrenz zu anderen Online-Anbietern sieht der Eton-Absolvent gelassen.

Auf die Frage, wie er auf die Geschäftsidee von Liqid gekommen ist, erzählt Christian Schneider-Sickert gerne von seinem Vater, einem erfolgreichen Orthopäden, und dessen nicht ganz so erfolgreichen Investments. „Mein Vater hat jeden Trend mitgemacht, den man in den vergangenen 30 Jahren durchs Dorf gejagt hat“, sagt Schneider-Sickert bei einem Zoom-Interview im Oktober. Schifffahrtfonds gehörten dazu, Filmfonds, Ostimmobilien. Dann lacht Schneider-Sickert und schüttelt den Kopf. „Wieso glauben so viele Leute, dass sie etwas von Finanzen verstehen, nur weil sie in einem anderen Bereich erfolgreich sind?“

„Im Moment steigt unser verwaltetes Vermögen über 100% pro Jahr.“

Vor bald fünf Jahren hat Schneider-Sickert den Online-Vermögensverwalter Liqid in Berlin gegründet. €100.000 beträgt die Mindestanlage für Kunden, was im Vergleich zu Online-Konkurrenten hoch ist. Trotzdem kommt das Angebot gut an – Liqid wächst, und zwar rasant. „Im Moment steigt unser verwaltetes Vermögen über 100% pro Jahr“, sagt Schneider-Sickert. Geht alles nach Plan, wird die Firma Anfang nächsten Jahres die Eine-Milliarde-Euro-Marke beim verwalteten Vermögen durchbrechen. Wie viele Kunden Liqid betreut, gibt das Unternehmen nicht offiziell preis, doch dürften es über 5000 sein. Rund 70 Mitarbeiter beschäftigt das Berliner Fintech derzeit. Der Hauptsitz liegt am Kurfürstendamm.

Quereinsteiger mit Unternehmer-Gen

Schneider-Sickert ist ein Quereinsteiger. Während viele andere unabhängige Vermögensverwalter vorher als Kundenberater oder Portfoliomanager bei Banken gearbeitet haben, hat Schneider-Sickert vorher unter anderem in der Medienbranche Karriere gemacht. Fast fünf Jahre war er als COO bei Fremantle tätig, einer britischen Fernsehtochter der RTL Group. Vor Liqid arbeitete er zweieinhalb Jahre als Executive Vice President für Corporate Development & New Business bei Bertelsmann. Eine Zeit lang, sagt er, sei er auch als CEO von Al Jazeera im Gespräch gewesen, entschied sich aber dagegen, weil er fürchtete, dass der Job für einen Europäer ein Schleudersitz sein könnte.

Daneben ließ er sich von dem leiten, was er sein „Unternehmer-Gen“ nennt. 1994 hat er nach dem Orientalistik-Studium in Oxford einen Verlag für Wirtschafts- und Investmentanalysen gegründet, den es bis heute gibt. Nach einem Jahr als Investmentbanker bei Goldman Sachs gründete er 2010 in London eine Boutique-Handelsbank für Medien-, Internet- und Tech-Unternehmen und eine Private-Equity-Advisory-Boutique für den Gaming-Bereich. „Mich treibt an, selbst etwas zu schaffen, zu gestalten und aufzubauen – egal, ob innerhalb eines großen Konzerns oder mit meinen eigenen Unternehmen“, sagt er. „Die intellektuelle Herausforderung, das ist mein Ansporn.“

Kooperation mit HQ Trust

Als er 2015 bei Bertelsmann ausschied, hatte er unterschiedliche Geschäftsideen im Kopf. Neo-Banken, fand er, seien „ein superspannendes Modell, doch sehr kapitalintensiv – und die Margen sind gering“. Auch ein Geschäftsmodell aus dem Versicherungsbereich faszinierte ihn, doch ließ sich das Konzept eines Online-Vermögensverwalters für Vermögende unkomplizierter umsetzen. Aus seiner Londoner Zeit kannte Schneider-Sickert noch den britischen Anbieter Nutmeg, dessen Konzept ihm gefiel. Das damalige Management von HQ Trust, das Family Office der Quandt-Familie, kannte er privat und vereinbarte mit ihm eine Kooperation. Heute ist HQ Trust einer der Mitgesellschafter von Liqid und stellt auch die Anlagestrategie zur Verfügung.

Derzeit hat Liqid drei Vermögensverwaltungslösungen im Angebot: Bei Liqid Global investieren Kunden über ETFs global in Aktien, Anleihen und Rohstoffe sowie in Gold über ein Zertifikat; die Nachhaltigkeitsstrategie Liqid Impact nutzt Aktien-ETFs und aktive Anleihefonds und enthält auch einen Goldanteil; mit Liqid Select legen Kunden flexibel je nach Marktumfeld über ETFs, aktive Strategien und ein Zertifikat in bis zu sechs Anlageklassen an – Aktien, Anleihen, Geldmarkt, Gold, klassische Industrie-Rohstoffe und Hedgefonds.

Ablenkung durch Rudern. Angefangen hat er mit dem Sport am britischen Elite-Internat Eton.

Derzeit hat Liqid drei Vermögensverwaltungslösungen im Angebot: Bei Liqid Global investieren Kunden über ETFs global in Aktien, Anleihen und Rohstoffe sowie in Gold über ein Zertifikat; die Nachhaltigkeitsstrategie Liqid Impact nutzt Aktien-ETFs und aktive Anleihefonds und enthält auch einen Goldanteil; mit Liqid Select legen Kunden flexibel je nach Marktumfeld über ETFs, aktive Strategien und ein Zertifikat in bis zu sechs Anlageklassen an – Aktien, Anleihen, Geldmarkt, Gold, klassische Industrie-Rohstoffe und Hedgefonds.

Rudern in Eton

Bis er acht Jahre alt war, ist Schneider-Sickert vor allem in Österreich und danach in Niedersachsen aufgewachsen. Als er 14 war, ging er ans Eton College, auf das viele berühmte Briten gegangen sind – unter anderem der aktuelle Premierminister Boris Johnson sowie David Cameron, der Vorgänger von Theresa May. „Die waren älter als ich, aber Jacob Rees-Mogg habe ich manchmal gesehen, der war nur einen Jahrgang über mir“, sagt Schneider-Sickert. Die Frage, warum sich der Sohn einer Deutschen und eines Österreichers für ein britisches Elite-Internat entscheidet, beantwortet er so: „Einige Kinder aus dem Freundeskreis meiner Eltern waren auf britische Internate gegangen, dadurch entstand der Gedanke. Ich habe mir mehrere Internate angesehen, und Eton gefiel mir – außerdem war der Flughafen nicht weit weg.“

„Es gibt in der britischen Bildung diese Idee der ganzheitlich gebildeten Persönlichkeit.“

In Eton fing er auch zu rudern an. „Es gibt in der britischen Bildung diese Idee der ganzheitlich gebildeten Persönlichkeit, die hat mir zugesagt“, sagt er. Seinen Kindern außerhalb eines Internats ein vergleichbar vielseitiges Angebot zu bieten, sei aufwändig. „Ich sehe das ja bei meinen Kindern“, sagt Schneider-Sickert, dessen Töchter Clara und Emilia elf und acht Jahre alt sind. „Wenn sie älter werden, ist man die ganze Zeit unterwegs, um sie irgendwo hinzubringen.“ Im Moment kümmert sich darum seine Frau Melissa – „eine waschechte Londonerin“ –, die sich außerdem bei der Nichtregierungsorganisation Human Rights Watch engagiert und eine Vortragsreihe organisiert.

Seine Frau Melissa bezeichnet Schneider-Sickert als „waschechte Londonerin“.

Begeisterung für Architektur

Ihre Westberliner Altbauwohnung liegt eine halbe Stunde von Liqids Büro entfernt. Vor dem Einzug ließ Schneider-Sickert sie gründlich renovieren. Die Gestaltung der Innenräume überlegte er sich selbst. Hell und offen wirken sie. Die Möbel und Lampen stammen von Designermarken wie Moooi oder B&B Italia, aber auch von Ikea. Bei der Auswahl der Kunst hat sich Schneider-Sickert von seinem Schwager Daniel von Schacky beraten lassen, einem Düsseldorfer Kunsthändler. Das wandhohe Bild hinter dem Esstisch stammt vom Berliner Maler Thomas Scheibitz, eine Serie mit Druckgraphiken fertigte der New Yorker Minimalist Brice Marden an. Aber auch syrische Intarsien-Stühle stehen in der Wohnung. „Die habe ich in meiner Zeit in Damaskus gekauft“, schreibt Schneider-Sickert auf Nachfrage in einer E-Mail.

„Mir hätte es auch gefallen, als Architekt zu arbeiten.“

Vor allem die Frage, was er mit dem Berliner Zimmer – einem großen Durchgangszimmer, das typisch für Berliner Mehrfamilienhäuser aus dem 19. Jahrhundert ist – geschehen sollte, beschäftigte ihn. Er entschied sich schließlich, daraus eine Küche zu machen. „Mir hätte es auch gefallen, als Architekt zu arbeiten“, sagt er. In einem Fragebogen für die Wirtschaftswoche nennt er auf die Frage, wessen Job er gerne einmal für einen Tag übernehmen würde, den Architekten Jean Nouvel. Daneben zeichnet ihn, meint er, eine gewisse Grundunruhe aus, die durch die drei bis vier Espresso am Tag und viel Tee noch verstärkt wird. Meistens hat er sein iPhone in der Hand. „Nur am Essenstisch, da sind Smartphones verboten, auch für mich“, sagt er.

Venture Capital für alle

Schneider-Sickert bezeichnet Liqid als digitales Family Office. Der Begriff ist insofern treffend, als Liqid seinen Kunden auch Zugang zu den Anlageklassen Private Equity, Immobilien und Venture Capital bietet, die normalerweise eher im Family-Office-Bereich zu finden sind. 2017 legte das Berliner Fintech in Zusammenarbeit mit HQ Trust und HQ Capital, dem Alternatives-Manager der HQ-Gruppe, den ersten Private-Equity-Dachfonds auf. 2019 startete Liqid gemeinsam mit HQ Trust den Fonds Liqid Real Estate, mit dem Kunden mit mindestens €200.000 in zehn Zielfonds von Asset Managern wie BlackRock, Barings, AEW oder EQT investieren können. Dieses Jahr kam noch ein Venture-Capital-Angebot dazu, für das sich Liqid mit dem Hamburger Family Office Lennertz & Co. zusammengetan hat und mit dem Kunden in bis zu acht Zielfonds mit rund 100 Portfoliounternehmen investieren können. Die Mindesteinlage beträgt hier $250.000.

Das Innendesign der Wohnung hat sich Schneider-Sickert selbst überlegt. Das Bild hinter dem Esstisch ist vom Berliner Maler Thomas Scheibitz und heißt Capital.

Daneben hat Liqid im April auch ein Tagesgeld-Produkt lanciert, das in Zusammenarbeit mit Raisin entstanden ist. „Für den Moment sind wir ziemlich komplett aufgestellt“, sagt Schneider-Sickert. Lücken im Angebot sieht er derzeit nicht. Eine Expansion ins Ausland wäre frühestens in ein paar Jahren denkbar. „Unser größter Investor“ – gemeint ist Toscafund Asset Management aus London – „hat mal gesagt: ‚Der deutsche Markt ist so groß, da könnt ihr noch lange wachsen.‘“

Profitabilität im Blick

Den Markt für Online-Vermögensverwaltung beobachtet er sehr genau. Immer neue Internet-Vermögensverwalter sind in den vergangenen Jahren in Deutschland auf den Markt gekommen. Langfristig, vermutet er, werde es sicher zu einer Marktbereinigung kommen, bei der nur die Großen, zu denen er Liqid zählt, überleben werden. Eine Konkurrenz sieht er in anderen Online-Anbietern wie Scalable Capital nicht: „Der Markt ist so groß, dass wir alle wachsen können. Es geht eher darum, neue Kundengruppen anzusprechen, die noch keinen Vermögensverwalter nutzen. Mittelfristig ist es durchaus möglich, dass wir auf €5 Milliarden bis €10 Milliarden verwaltetes Vermögen kommen.“

Derzeit besitzt Schneider-Sickert 15% der Anteile. Neben Toscafund Asset Management gehören unter anderem Project A, HQ Trust und Dieter von Holtzbrinck Ventures zum Investorenkreis. Zwar ist es Schneider-Sickert in den vergangenen Jahren gelungen, mit drei Finanzierungsrunden rund €40 Millionen einzusammeln, doch ist es ihm wichtig, die Profitabilität im Blick zu behalten. Liqid will nicht um jeden Preis wachsen. Das ist auch einer der Gründe, warum die Mindestanlage bei Liqid Wealth €100.000 beträgt. Nach ein, zwei Jahren hat sich ein Kunde amortisiert. Neben der Neukundenakquise setzt Schneider-Sickert darauf, dass zufriedene Kunden mit der Zeit immer mehr Vermögen an Liqid übertragen. „Sie gucken sich unser Angebot an, sammeln Erfahrungen und entscheiden sich erst dann aufzustocken. Das würde ich selbst nicht anders machen.“

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der 65. Ausgabe des Citywire Deutschland Magazins.

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