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Short Seller: Bei Wirecard gab es mehr rote Flaggen als bei einer Kommunistendemo

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Short Seller: Bei Wirecard gab es mehr rote Flaggen als bei einer Kommunistendemo

Führende Fondsmanager haben durch den Wirecard-Skandal schwere Verluste im Portfolio erlitten. Barry Norris (im Bild) hingegen profitierte vom Kurscrash der Wirecard-Aktie. Der Fondsmanager des Argonaut Absolute Return Fonds hielt eine 5%-Short-Position gegen Wirecard, den maximalen Betrag, den sein Fonds in Anspruch nehmen durfte.

In diesem Beitrag für Citywire Wealth Manager, einer Schwesterpublikation von Citywire Deutschland, spricht Barry Norris über seine Begegnungen mit dem Management von Wirecard im Jahr 2018 und warum er schon damals misstrauisch wurde.

Wirecard, der deutsche Zahlungsdienstleister aus Aschheim bei München und Bestandteil des DAX 30, gab letzte Woche bekannt, dass es seinen Jahresbericht von 2019 nach bereits dreimaliger Verschiebung immer noch nicht veröffentlichen konnte, da der Wirtschaftsprüfer Barguthaben in Höhe von €1,9 Milliarden nicht nachweisen kann.

Bevor der langjährige CEO Markus Braun zurücktrat, behauptete er, dass das Unternehmen selbst Opfer eines Betrugs geworden und das Geld auf philippinischen Konten eingezahlt worden sei. Diese Behauptung wurde jedoch von den philippinischen Behörden zurückgewiesen, und Wirecard hat inzwischen zugegeben, dass die Bargeldbestände überhaupt nicht existieren.

Angesichts der fehlenden Jahresbilanz könnte eine ausstehende Kreditlinie in Höhe von €1,75 Milliarden, die bereits zu 90% in Anspruch genommen worden ist, nun von den Kreditgebern von Wirecard sofort gekündigt werden, was das Unternehmen zahlungsunfähig machen würde.

Als ich 2018 den ehemaligen CFO traf

Wir waren erstaunt, dass der Aktienkurs von Wirecard so lange so unempfindlich gegenüber sich häufenden, substantiellen Vorwürfen von Fehlverhalten war. Es gab mehr rote Flaggen, als man bei einer kommunistischen Kundgebung beobachten kann.

Am 7. März 2018 kam ich zur Überzeugung, dass Wirecard ein Betrug ist.

An diesem Tag traf ich Burkhard Ley, einen ehemaligen CFO von Wirecard, der damals eine Art Consigliere des Unternehmens war. Etwas kam mir sofort seltsam vor: Seine Präsentation hatte mehr Venn-Diagramme als Zahlen, was in der Investmentbranche sehr ungewöhnlich ist.

Ley gab eine sehr ausgefeilte Präsentation darüber, wie sich die Zahlungsindustrie zunehmend digitalisiert, aber er fühlte sich merklich unwohl dabei, unterbrochen zu werden und grundlegende Fragen beantworten zu müssen. Zum Beispiel: „Was genau unterscheidet das Unternehmen von seinen Mitbewerbern?“ Oder: „Mit welchen Aktivitäten generiert es genau Einnahmen?“

Es war offensichtlich, dass Ley die Antworten entweder nicht wusste oder nicht sagen wollte. Er gab außerdem bekannt, dass mit Ausnahme von CEO Markus Braun niemand aus dem Management-Team Wirecard-Aktien besaß; stattdessen wurde allen ein jährlicher Bonus in bar ausgezahlt, der ausschließlich auf der Aktienkursentwicklung basierte.

Als man von Ley eine konkrete Antwort auf die Frage verlangte, welcher Anteil der Einnahmen des Unternehmens aus Online-Pornografie und illegalen Casinos stamme, behauptete er, er wisse nichts davon und grinste einfach nur wie eine gut gelaunte Katze, die nicht nur die Sahne, sondern auch gerade den Familienhamster verputzt hatte.

Das Folgetreffen

Nach diesem Treffen schickte ich einige Anschlussfragen an das Unternehmen, aber erhielt keine Antwort. Ich war offensichtlich nicht die Art von Investor, die sie suchten.

Trotzdem traf ich Wirecard noch im selben Jahr auf einer Investorenkonferenz wieder: Diesmal waren es Iris Stöckl, Leiterin der Abteilung Investor Relations, und die enthusiastische Susanne Steidl, Chief Product Officer.

Bei Investorentreffen in Gruppen gilt es als höflich, andere ihre eigenen Fragen stellen zu lassen. Die waren in diesem Fall alarmierend unforensisch und nach dem Motto: „Was ist das Geheimnis Ihres großen Erfolges?“

Ich bemerkte am anderen Ende des Tisches einen befreundeten Hedgefonds-Manager und schickte ihm frech eine SMS, in der ich ihn fragte, ob ihm der Mangel an bohrenden Fragen und das allgemein schlechte Niveau der Debatte gefallen habe. Seine Antwort an mich: „Schafe, die steigende Aktienkurse lieben, einfach peinlich.“

Im selben Monat wurde ich von einem Vertreter meines Brokers gebeten, Wirecard nicht länger als Beispiel für Shortpositionen in meinen eigenen Kunden-Präsentationen zu verwenden, da es einige ihrer wichtigsten Kunden, die die Aktie hielten, verärgerte.

Ich ignorierte die Bitte.

Es war allerdings klar, dass in einer Branche, die so heiß ist wie der digitale Zahlungsverkehr, angeblich erfahrene Investoren, die behaupteten, ihren eigenen Rechercheprozess zu haben, nie schwierige Fragen stellten:  Wirecard hätte mit dem Investitionsäquivalent eines Mordes davonkommen können.

Dies führte zu einem Dilemma hinsichtlich des Zeitpunkts und der Größenordnung unserer Short-Position: Möglicherweise mussten wir erhebliche Verluste hinnehmen, bevor wir letztendlich Recht behalten konnten.

Ich bekam einen Lachanfall

Im Januar 2019 veröffentlichte die Financial Times Anschuldigungen, nach denen ein leitender Mitarbeiter von Wirecard mit Sitz in Singapur verdächtigt wurde, Konten gefälscht und Geld gewaschen zu haben.

Wirecard wies die Vorwürfe zunächst zurück, reagierte aber dennoch mit einer Klage gegen die Zeitung, die schließlich zurückgewiesen wurde.

Unerklärlicherweise hat die deutsche Finanzaufsichtsbehörde Bafin neue Leerverkäufe von Wirecard verboten, als ob sich die Aufdeckung der Wahrheit irgendwie gegen das nationale Interesse Deutschlands richten würde.

Wirecard überraschte daraufhin mit der Ankündigung einer kommerziellen Allianz mit dem japanischen Technologieinvestor Softbank, der eine strategische Beteiligung an dem Unternehmen übernehmen wollte.

Bald wurde klar, dass das Engagement von Softbank gegenüber Wirecard eher verhalten war: Das Unternehmen hat seine Investition als Wandelanleihe angelegt und die Eigenkapitalkomponente in ein drittfinanziertes Vehikel gesteckt, so dass es keinerlei wirtschaftliches Risiko hatte. Dies war kaum die kommerzielle Unterstützung, die sich das Wirecard-Management wünschte.

Zu vermuten, dass es sich um Betrug handelt, ist einfach. Betrug nachzuweisen ist dagegen unglaublich schwierig.

Im Oktober 2019 veröffentlichte die Financial Times dann Dokumente, bei denen es sich augenscheinlich interne Buchhaltungs-Tabellen der Wirecard-Tochtergesellschaft in Dubai handelte, die maßgeblich zum angegebenen Gewinn der deutschen Muttergesellschaft beitrug. Aus den Dokumenten ging hervor, dass die Kunden der Tochtergesellschaft entweder nicht mehr existierten oder nach Ermittlungen behaupteten, niemals Geschäfte mit Wirecard getätigt zu haben.

Als Reaktion auf die Vorwürfe einer rein fiktiven Geschäftstätigkeit vermutete Wirecard, dass das Missverständnis darauf zurückzuführen sei, dass das lokale Management fiktive Namen für tatsächliche Kunden verwendet habe. Es war eine so lächerliche Rechtfertigung, dass ich einen Lachanfall bekam.

Offensichtlicher Widerspruch

Der Aufsichtsrat von Wirecard wies zunächst die Forderung nach einer Überprüfung des Unternehmens durch einen unabhängigen Wirtschaftsprüfer zurück und stimmte dann nur widerwillig zu.

EY prüfte die Bilanzen der deutschen Muttergesellschaft, der AG. Verantwortlich für die zusätzliche Sonderprüfung sollt KMPG sein. Das Unternehmen gab Ende April bekannt, dass es die Prüfung nicht zufriedenstellend abschließen konnte.

Die Geschäftseinheiten in Dubai, auf die nach Angaben der Financial Times mehr als die Hälfte des gesamten Konzerngewinns entfiel, wurden laut eines Anleiheprospekts von Wirecard aus dem Jahr 2019 weder 2017 noch 2018 geprüft. Dies war ein offensichtlicher Widerspruch zu den beruhigenden Aussagen des Wirecard-CEO Markus Braun.

Auch war es verdächtig, dass Wirecard bei Umfragen zu Marktanteilen unter Händler-Acquirern nie unter den Top 10 auftauchte. Deshalb vermutete ich, dass der Gewinn der deutschen Wirecard-Muttergesellschaft auf der fiktiven Gewinnen aus nicht geprüften ausländischen Tochterkonten basierte.

Als Wirecard im November 2019 die Übernahme des chinesischen Zahlungsmittelunternehmens Allscore ankündigte (das laut MCA-Mathematik 120 ausstehende Klagen und Rekordstrafen von der chinesischen Aufsichtsbehörde für bereits bestehenden Betrug zu verantworten hatte), schien es nur allzu offensichtlich, dass China eine neue Quelle für ungeprüfte und unglaubliche Gewinne der deutschen AG sein würde.

Im Februar 2020 traf ich erneut Iris Stöckl, nachdem Wirecard unser bereits geplantes Treffen im Dezember 2019 abgesagt hatte (vermutlich, weil ich kein vertrauenswürdiger bestehender Investor war).

Sie startete eine Tirade gegen die Financial Times und die Leerverkäufer und argumentierte, dass es sich bei den Vorwürfen gegen das Unternehmen um eine Verschwörung handele. Sie behauptete auch, dass die KPMG-Untersuchung Wirecard von jeglichem Unrecht entlasten würde.

Ich fragte Stöckl dann, was, wie ich fand, eine sehr einfache Frage war: Warum musste Wirecard so viele Kredite aufnehmen? Das Unternehmen hatte sehr hohe Gewinnmargen, geringe Investitionsausgaben und zahlte nur eine magere Dividende. Und obwohl das Unternehmen zusätzlich zu den €900 Millionen, die durch die umstrittene Softbank-Wandelanleihe aufgebracht wurden, noch zusätzliches Betriebskapital benötigen würde, hatte es gerade eine Anleihe über €500 Millionen emittiert.

Die Bruttoverschuldung von Wirecard war von €2,3 Milliarden auf €3,7 Milliarden angestiegen. Die meisten Investoren waren darüber nicht einmal beunruhigt, da Berichten zufolge die Nettobarmittel auf €2 Milliarden (von €700 Millionen) angestiegen waren, was bei den Aktionären den allgemeinen Eindruck erweckte, dass es in der Bilanz genug Bargeld gab.

In der Parmalat-Pleite im Jahr 2003 habe ich die Erfahrung gemacht, dass Unternehmen, die signifikant neue Anleihen herausgeben, in der Regel Finanzierungsprobleme haben und dass die Verrechnung von Bareinlagen (wie bei NMC Hospitals) in der Tat rein fiktiv sein kann.

Stöckl bat ich um eine Rückmeldung, aber unsere Folgetermine wurden wiederholt verschoben. Genauso wenig wie Burkhard Ley die einfache Frage beantworten konnte, wo Wirecard denn nun seine Umsätze erwirtschaftet hat, konnte mir Stöckl sagen, warum ein theoretisch hochprofitables und Cash generierendes Unternehmen plötzlich in einem so großen Maß Zugang zu den Fremdkapitalmärkten benötigte.

Verblendete Investoren

Wieder einmal haben Leerverkäufer die unbeliebte Rolle gespielt, einen Betrug zu entlarven. Leider glauben einige der getäuschten Anleger immer noch, dass ihre Wirecard-Verluste das Ergebnis einer Hedgefonds-Verschwörung sind und hätten die Fortsetzung eines dreisten Management-Betrugs in Milliardenhöhe sogar vorgezogen.

Es ist höchste Zeit zu begreifen, dass wir ohne Leerverkäufer einen unehrlicheren Aktienmarkt hätten und dass dies zu höheren Kapitalkosten und einem geringeren langfristigen Wirtschaftswachstum führen würde.

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Barry Norris
Barry Norris Durchschnittliche Fondsperformance:
-18,38%
91/96 in Alt UCITS - Long/Short Aktien (Performance über 3 Jahre)
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